Vom Wasser in Westerode

Westerode wurde wahrscheinlich schon vor über 1.000 Jahren besiedelt. Die Voraussetzung für die Ansiedlung von Menschen und Gründung eines Dorfes war das Vorhandensein von genügend frischem Wasser für Mensch und Vieh. Deshalb ergab sich die älteste Besiedlung entlang unseres heute noch vorhandenen Dorfbaches.

Unser Bach wird in einer Dorfbeschreibung von 1758 als „Maschbekke“ bezeichnet. Der offizielle Name ist heute „Maschbach“.  Der gebräuchliche Name für unseren Bach lautet aber „Bäckerbach“. Obwohl der Bach an der Krugstraße hinter dem ehemaligen Alten Backhaus entlangführte, gibt es keine Hinweise darauf, dass dies der Grund für den heute geläufigen Namen ist.

Meine Erklärung ergibt sich aus dem plattdeutschen Namen für Bach, nämlich „Bekke“ oder „Beeke“. Hieraus wurde in das Hochdeutsche übertragen mit völlig anderer Bedeutung unser „Bäckerbach“.

Der Bach entspringt aus zwei Quellbereichen oberhalb des Dorfteiches. Der wichtigste Zufluss, der auch in sehr trockenen Jahren nicht versiegt, kommt aus mehreren Quellen, die auf den Grundstücken Sandstaße 11 (ehemals Bergmann) und Sandstraße 13 ( Klutzny)  liegen. Hier tritt das Wasser zu Tage, das als Wasserader in dem Kiesrücken fließt, der sich von den Fuchshöhlen bis nördlich der Kirche erstreckt. In diesem Kiesrücken liegen noch einige ergiebige Brunnen und ein weiterer Quellaustritt auf dem Grundstück Kirchstraße 3 (Polenski).

Auf dem Grundstück Sandstraße 13 gibt es einen Brunnen mit einer alten runden Sandstein-Einfassung. Dieser Brunnen ist nur 1,5 m tief und das Wasser steht immer bis 50 cm unter der Erdoberfläche und läuft durch einen erst kürzlich angelegten Teich hindurch in den Bach ab. Dieser Brunnen war früher allgemein zugänglich und diente bei Wasserknappheit zur Notversorgung der umliegenden Haushalte.

Aus diesem Quellbereich wurde bereits vor 1734 eine Wasserleitung direkt in die Küche des Gutshauses (vor den Höfen 1) verlegt. Von dieser Leitung aus konisch gedrechselten und ineinander gesteckten Holzröhren, Piepen genannt, wurden bei den Schachtarbeiten zur Abwasserkanalisation 1966 noch Überreste gefunden, aber leider nicht aufgehoben. Von dieser Wasserleitung abgeleitet ist die Straßenbezeichnung „Röhrenstraße“, die 1734 genannt wurde, dies ist der Abschnitt Sandstraße Nr. 1–9.

Die Inhaber dieser Höfe wurden früher deshalb auch Röhrenbauern genannt, oder sie bezeichneten sich als “up den Riren“ wohnend.

Der zweite Zufluss entspringt ca. 100 m unterhalb der Bahnbrücke der still gelegten Strecke Bad Harzburg -Ilsenburg. In trockenen Sommern, oder bei sehr niedrigem Grundwasserstand kann es zum völligen Versiegen dieser Quelle kommen. Unterhalb dieser Quelle lag der ehemalige St. Clausteich. Dieser Teich wurde 1578 erstmals genannt und gehörte zur damaligen auf dem Grundstück Krugstasse 10 gelegenen Clauskapelle, die dem heiligen Nikolaus geweiht war. Es ist möglich, dass die Mönche aus Wöltingerode diesen Teich zur Fischzucht angelegt hatten, um die Clauskapelle mit Einnahmen auszustatten. 1668 schreibt der Amtmann Johann Heinrich von Uslar: „Der St. Clausteich hat bey truckener Zeit Noth an Wasser Windters und Sommer Zeit, ligt dahero zu Grasung und bringt jährlich 2 Fuder Heu und 1 Fuder Grumbt“.

Der Wasserzufluss war also schon vor über 300 Jahren nicht immer gegeben und führte dazu, dass dieser Teich aufgegeben wurde.

Die Bezeichnung des Flurstückes, auf dem der Teich gelegen hat, heißt heute noch St Clausteichkamp und die Senke, in der der Teich lag ist noch gut zu erkennen.

Dieser Bereich mit dem umliegenden Ackerstück gelangte später in den Besitz der Familie Müller, die den Hof in der Krugstraße 8 innehatte. Der Weg, der von der Sandstraße zur Bahnbrücke an dem ehemaligen Teichgelände entlangführt, wird deshalb bis heute „Müllersteich.“ genannt. Aus den beschriebenen Zuflüssen wird unser Dorfteich gespeist. Der Teich wird auch Feuerlöschteich oder Oberteich genannt. Oberteich, weil er der oberste gelegene Teich im Dorf ist. Weiter unterhalb lagen in den Gärten der großen Höfe (vor den Höfen 1-5) weitere kleinere Teiche; die auch von unserem Bach gespeist wurden. Heute gibt es davon noch 2 Teiche und zwar auf den Grundstücken vor den Höfen 1 u. 3 (Gutshof und Lüdeke).

Der Oberteich wird durch einen künstlich angelegten Damm angestaut. Der Damm aus gestampftem lehmigem Ton wird zu Wasserseite mit senkrecht aufgesetzten Sandsteinquadern abgeschlossen. Vor die Sandsteine wurde später eine Betonmauer gegossen, die zuletzt 1998 erneuert wurde. Das Wasser des Teiches kann durch einen Grundablass abgelassen werden, um im Falle eines Brandes Löschwasser in größeren Mengen in das Unterdorf fließen zu lassen. Auch ist es notwendig das Wasser abzulassen, um den Teich zu entschlammen, was ca. alle 15 Jahre zu erfolgen hat. Bei starken Gewittergüssen wird von den Ackerflächen des oberen Einzugsgebietes Boden abgespült, der sich dann im Teich absetzt. 
Seit 1975 gab es 3-mal so starke Gewitterregen, dass der Teichauslauf nicht ausreichte und das Wasser über den Damm direkt auf die Sandstaße floss. Dabei liefen auch die tieferliegenden Gärten östlich der Sandstraße voll. Nachdem das Wasser wieder abgezogen war, mussten hier die toten Fische eingesammelt werden. Im Unterdorf sind bei Hochwasser besonders das Grundstück von Koch/ Schmidt in der Krugstraße und der gegenüber liegendem Garten von Bosses betroffen.

Der Teich, der erstmals 1734 als „Königsteich“ genannt wurde, muss in Verbindung mit der Familie König gestanden haben, die von 1672 – 1738 als Inhaber der Hofstelle Kirchstraße 3

(Polenski) genannt wurde. Johann Baltasar König war Amtsschreiber des Amtes Wendessen. Er lebte von 1665 bis 1738 und verbrachte seinen Ruhestand in Westerode. Nach dem großen Brand von Bettingerode im Jahre 1734, bei dem auch die Westeröder Kirchenbücher verbrannten, könnte er sich um den Teichausbau gekümmert haben. Der Teichdamm kann viel älter sein, aber vielleicht fällt in diese Zeit die Einrichtung des Grundablasses und das Vorsetzen der Sandsteinmauer.

Der Staudamm des Oderteiches im Harz wurde von 1715 – 1721 gebaut und ist auch mit einem Grundablass und vorgesetzter Steinmauer versehen. Die Technik des Oderteiches könnte als Vorbild für unseren Teich gedient haben.

Der Teich diente früher als Viehtränke und als Schwämme für die Pferde, wenn sie abends von der Feldarbeit zurückkamen. Dazu gab es eine flache Einfahrt, die auch zum Entschlammen genutzt wurde. Seitdem der Teich aber nicht mehr direkt zugänglich ist, und der Schlamm von den Pferden nicht mehr aufgewühlt wird, ist das Teichwasser schön klar und beherbergt viele Fischarten.

An den Dorfteich hat wohl jeder, der in Westerode aufgewachsen ist so seine Erinnerungen. Es gibt den Ausspruch: “Wer ein echter Westeröder sein will, muss schon einmal in den Oberteich gefallen sein“. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde am Vorabend von Pfingsten von Jugendlichen als Streich regelmäßig der Ackerwagen von Hermann v. Röpenack in den Teich geschoben. Der aber freute sich sogar darüber, denn dabei quoll das Holz der Räder auf und die Stabilität war wieder gewährleistet.

Die größte Anziehungskraft auf die Kinder und auch auf die Erwachsenen hat der Teich, wenn er zugefroren ist und das Eis so dick ist, dass man es betreten kann. Viele machten hier ihre ersten Schritte auf Schlittschuhen. Es gibt Eishockeymeisterschaften und Eisfeste bei denen sich die Westeröder bei Glühwein und mitgebrachten Speisen auf und an der beleuchteten Eisfläche treffen und fröhlich zusammen sind.

Dabei kommt es immer mal wieder vor, dass jemand unvorsichtig ist und in das Eis einbricht.

Zu Zeiten als bei Bäcker Stübig der Backofen auch von außen immer schön warm war, liefen die in das eiskalte Wasser gefallenen Kinder schnell zu Stübig und krochen an den warmen Backofen, um ihre Kleidung zu trocknen. Wären die Kinder mit ihren nassen Sachen nach Hause gekommen, hätte es wahrscheinlich Ärger gegeben. Heute sind die Eltern da wohl etwas verständnisvoller.

Der Teich friert aber auch bei großer Kälte nicht immer zu. Wenn aus den dicht am Teich liegenden Quellen sehr viel Wasser mit relativ hoher Temperatur zufließt, ist das Wasser im Teich zu warm, um zu gefrieren. Es kann vorkommen, dass bei klirrender Kälte eine Dampfwolke über dem Teich steht und sich dadurch in der Umgebung eine schöne Raureif- Landschaft bildet.

Im Sommer laden Ruhebänke zum Verweilen am Wasser ein. Gerne werden von den Kindern die Enten gefüttert und ganz mutige nehmen auch schon mal ein freiwilliges Bad.

Unser Dorfbach fließt weiter nach Bettingerode und vereint sich dort mit dem Kattenbach und dem Lehmgrundsgraben zur Schamlah.

Günter Beuleke

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